„Normales“ Essen ist halt nicht mehr gesund genug. Oder?

Jeder kennt die Theorie, sich gesund zu ernähren: viel Gemüse, nicht zu viele verarbeitete Lebensmittel, blah, blah, blah – LANGWEILIG. Warum kann gesund essen nicht mehr Spaß machen? Sicherlich gibt es ein magisches Elixier, einen innovativen Weg, um mehr Wasser zu trinken, oder ein Wundergemüse, das Du bisher ignoriert hast und darauf wartet, dass Du Dein Versprechen dieses Jahr einhältst, gesünder zu essen. Richtig?

Die Antwort: Superfoods. Die vage Gruppe von Lebensmitteln, die nicht nur außergewöhnlich gut für Dich, sondern vor allem außergewöhnlich populär sind. Jedes Jahr erscheint ein neuer „Ankömmling“ im lokalen Bioladen oder HipsterCafé. Von verschiedenen Quellen lernen wir, dass Smoothies ohne Acaí und Weizengras keinen Sinn machen und ein Tag ohne Chiasamen wie ein Tag ohne Sonnenschein ist. „Normales“ Essen ist halt nicht mehr nahrhaft genug in unser modernen Welt, oder?

Gehen wir der Frage auf den Grund.

Ist Superfood wirklich super oder viel Lärm um nichts?

Was ist Superfood eigentlich? Als Superfood gelten Nahrungmittel, die eine besonders hohe Nährstoffdichte haben und als besonders vorteilhaft für Gesundheit und Wohlbefinden gelten, da sie mehr Antioxidantien, Vitamine, Mineralien, Enzyme oder Protein enthalten als die gewohnten Nahrungsmittel.

Klingt ja schon mal nicht schlecht. Tatsächlich werden eine ganze Menge an Lebensmitteln so beworben, obwohl deren Betitelung ungerechtfertigt ist. Unbestätigten Angaben zufolge soll die exotische Gojibeere (28 g davon) 140% unseres Tagesbedarfs an Vitamin A abdecken. Fakt ist jedoch, dass eine Orange oder die herkömmliche Karotte genau das gleiche tun kann, und das bei einer viel geringeren Kalorienaufnahme. Aber Karotte klingt halt nicht so geil wie Goji.

Wahres Superfood: Avocado

Avocados

Natürlich gibt es auch tatsächliche „Superfoods“.

Die Avocado soll so wahnsinnig nahrhaft sein, dass es fast unfair anderen Nahrungsmitteln gegenüber ist. Drei Viertel einer Avocado, 150 g, können 40% des täglichen Ballaststoffbedarfs einer durchschnittlichen Frau liefern, 25% ihres Vitamin C Bedarfs sowie 16% des schwer zugänglichen Antioxidans Vitamin E und 39% des Vitamin K Bedarfs, sowie 10% B-Vitamine und 30% des Folsäurebedarfs. Avocados können auch gute Quellen für Magnesium, Kupfer und Kalium sein.

Aber welchen Preis zahlen wir dafür (nicht der Preis im Supermarkt wohlgemerkt)?

Schaut man sich diese Nahrungsmittel mal genauer an wird ganz schnell klar, dass es sich oft um exotische Importprodukte aus China, Tibet und Südamerika handelt. Der Transport von Lebensmitteln ist einer der Hauptverantwortlichen der schnell wachsenden Treibhausgasemissionen. Jedes Jahr werden 817 Millionen Tonnen Nahrung um den Planeten geschickt. Das Ergebnis ist, dass eine Grundernährung mit importierten Produkten vier Mal mehr Energieaufwand und Emissionen verursacht als die mit gleichwertigen, lokal produzierten Lebensmitteln. Und dies ist nur die Spitze des Eisbergs. Monokultur, Bodenverarmung, und Dezimierung von ökologischer Vielfalt sind nur einige der weiteren Probleme, die unsere unersättliche Gier nach dem ultimativen Superfood mit sich bringt.

Wie können wir die Waagschale wieder in die Balance bringen und trotzdem unser Bedürfnis nach nährstoffreicher und schmackhafter Ernährung stillen?
Die Ironie ist, dass bevor dieser ernährungsmäßige Bankrott durch industriell produzierte Nahrungsmittel die Grundlage für unsere kontemporäre Esskultur wurde, sich die meisten Europäer von lokal angebauten, biologischen und saisonalen Produkten ernährt haben – und wir können das immer noch.

Ja, aber „normales“ Essen ist einfach nicht mehr gesund genug, oder?

Wenn man mit „normalem“ Essen den Standard von verarbeiteten, vorverpackten Lebensmitteln, vorgereiften Produkten, die Hunderte oder Tausende von Kilometern zurücklegen, meint, dann würde ich zustimmen: „normales“ Essen ist nicht genug, um uns ausgewogen und nahrhaft zu ernähren. In der Tat ist dieses „normale“ Essen die Quelle der meisten unserer Gesundheitsprobleme. Allerdings bevor wir nach dem nächsten Acerola-Smoothie greifen, um unserem Vorsatz des gesünderen Essens gerecht zu werden,
sollten wir uns die simplen Regeln des maßvollen, bewussten und abwechslungsreichen Essens vor Augen führen: nicht zu große Portionen, viel Gemüse. So kann „Normalfood“ zum „Superfood“ werden.

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